„Die Schwiegermutter machte mir nur Vorwürfe!“

Gudruns Enkelkind kam 8 Wochen zu früh. Sie selbst war über 700 km entfernt und konnte nicht helfen.

Gudruns Tochter Sarah* zog aus der Heimat in Baden-Württemberg weg, ausgerechnet als das erste Enkelkind unterwegs war. „Dass meine Tochter schwanger nach Berlin zog, war schlimm für mich“, erinnert sich Gudrun. Aber es war nichts im Vergleich zu dem, wie sie sich fühlte, als sie merkte, wie sehr ihre Tochter dort litt: Sarahs Kind kam zu früh, viel zu früh. Hilfe vor Ort erhielt die junge Mutter kaum. Im Gegenteil: Vor allem von ihrer Schwiegermutter kamen Vorwürfe und Anschuldigungen. Das machte es für Gudrun umso schwerer: „Ich saß hier, völlig hilflos. Und konnte nicht zu ihr. Ich hatte solche Angst um sie und wäre ihr so gerne beigestanden und hätte sie im Wochenbett unterstützt. Die „andere“ Oma, die die Chance dazu gehabt hätte, nutzte sie nicht. Im Gegenteil: Sie benahm sich auch noch so unsensibel, wenn sie alle paar Wochen mal zu Besuch war.“

In diesem Artikel erzählt Sarah die ganze Geschichte aus ihrer Sicht: Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Mutter nicht bei der Geburt des Enkelkindes dabei sein kann? Was erwarten junge Mütter von den frischgebackenen Omas? Und: Wie verscherzt man es sich für lange Zeit mit der eigenen Schwiegertochter …


Wo fange ich am besten an?


Mein Sohn war die ersten 13 Wochen eine Risikoschwangerschaft, die wir glücklicherweise überstanden haben. Wochenlanges Bangen und Hoffen. Auch danach hatte ich noch eine sehr schwere Schwangerschaft mit allen erdenklichen Beschwerden, inklusive dauerhaften Schmerzen. 9 Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin bekam ich Wehen und musste ins Krankenhaus. Wehenhemmer, Gespräche über möglichen Notfallkaiserschnitt, Lungenreifespritze, Bettruhe, wieder Hoffen und Bangen. Schon hier hatten wir um Ruhe gebeten. Mir ging es durch die Medikamente nicht gut, ich hatte immer wieder Wehen und brauchte einfach diese Ruhe. Meine Mutter, die einzige, die ich neben meinem Mann hätte sehen wollen, konnte nicht kommen, da sie weit weg wohnte und erst eine Woche vorher Urlaub hatte um uns zu besuchen. Und trotzdem stand plötzlich meine Schwiegermutter in meinem Zimmer – mit ihrem Mann, ohne anzuklopfen.


Sie redete von Sonderrechten, da sie ja Oma sei.


Keine Ahnung, woher sie überhaupt wusste, wo ich war. Knapp 2 Stunden lang redete sie auf mich ein, das Kind solle bis Montag kommen, weil sie danach nicht da sei, sonst erst wieder 3 Wochen später. Keine Frage nach meinem Befinden oder dem Risiko einer Frühgeburt. Ich hatte ihr dann zu verstehen gegeben, dass ich direkt nach der Geburt keinen Besuch möchte, da redete sie von Sonderrechten, da sie ja Oma sei. Ich war völlig überfordert, wollte nur ganz schnell wieder alleine sein und habe mich sehr selten geäußert. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte ohne sie vor den Kopf zu stoßen, wo ich doch einfach nur Ruhe wollte.


Selbst jetzt weine ich noch, wenn ich über all das nachdenke.


Einige Tage später kam unser Sohn dann trotz allem 8 Wochen zu früh auf die Welt. Während der Geburt wurde ein erhöhter Blutverlust festgestellt und man verwendete eine Zange, um ihn schneller zu entbinden. Als er da war, wurde er mir kurz auf die Brust gelegt und schnell wieder weg genommen, um ihn an Schläuche anzuschließen. Er schrie, als sie ihn wegnahmen. Als ich kurz danach zu ihm durfte, wurde er bei seiner Atmung unterstützt, hatte eine Infusion und eine Magensonde. Er war gesund, es ging ihm gut. Doch wir erfuhren: Er müsse 2 Wochen in der Klinik bleiben. Eher mehr.


Oft antwortete ich tagelang nur meiner Mutter. Alles andere war zu viel.


Ich hatte durch den Dammschnitt starke Schmerzen, konnte kaum laufen, mir war schwindelig und wir waren natürlich überfordert mit der gesamten Situation. Selbst jetzt weine ich noch, wenn ich über all das nachdenke. Wir haben also allen gesagt, dass wir im Krankenhaus keinen Besuch möchten, um unseren Sohn und uns selbst zu schützen. Und auch an die anderen, oft noch kleineren Frühchen um uns herum dachten wir dabei: Sie brauchten noch mehr Ruhe und waren noch gefährdeter krank zu werden. Trotzdem kamen von meinen Schwiegereltern Anfragen, ob wir Zeit hätten. Alle wollten wissen, wie es dem Kleinen Wunder geht, wollten ständig auf dem Laufenden sein. Wir wurden bombardiert mit Nachrichten. So gut gemeint, doch oft antwortete ich tagelang nur meiner Mutter. Alles andere war zu viel.


Die Schwiegermutter ließ sich von uns bedienen.


Ich wurde am nächsten Tag schon entlassen, war aber jeden Tag im Krankenhaus bei meinem Sohn. Frühstücken, ins Krankenhaus, so oft wie möglich kuscheln und mich um ihn kümmern, zwischendurch mal schnell essen und alle 2 bis 3 Stunden abpumpen, auch Nachts. Wir waren am Ende. Nach 3 Wochen durften wir ihn endlich mit nach Hause nehmen. Unser kleines Frühchen mit knapp 2 Kg darf nach Hause!

Dort kämpfte ich sehr mit mir. Ich wusste, meine Mutter würde eine Woche später für eine Woche kommen und so hätten meine Schwiegereltern den Kleinen weitere 2 Wochen nicht sehen können. Also luden wir sie in der Woche vorher ein. Ich war so vorsichtig mit dem Kleinen, dass ich ihn nur selbst auf dem Arm haben wollte (oder bei Papa natürlich), nicht aber bei den Schwiegereltern. Wie sollte ich diese zerbrechlichen 2 kg jemandem anvertrauen, den ich kaum kenne, wo ich ihn doch bereits 2 mal beinahe verloren hätte? Zusätzlich ließ sich die Schwiegermutter bedienen. Trinken holen, kochen, belustigen, war alles unsere Aufgabe, keiner half uns. Uns war es viel zu viel, doch ich traute mich nicht etwas zu sagen, wo ich es mir doch mit niemandem verscherzen wollte.


Als meine Mutter kam, konnte ich ohne Eile duschen! Gott, tat das gut!


Als meine Mutter kam, wurden wir dagegen von vorne bis hinten verwöhnt. Sie kochte, wusch Wäsche, räumte auf, fragte, ob sie helfen könne und, nachdem ich den Kleinen endlich jemandem auf den Arm geben konnte, dem ich vertraute, ließ mich duschen! Gott, tat das gut! Ohne Eile und sogar zusammen mit meinem Mann. Auch eine Babyparty gab es: Die Freunde meines Mannes standen mit Essen und Deko vor der Türe, hatten Spiele vorbereitet und Geschenke mitgebracht. Der Tag ist mir größtenteils positiv in Erinnerung geblieben, mit dem kleinen Stich, dass ich mehrfach gebeten wurde, mich beim Stillen zu beeilen. Aber das konnte ich abtun. Mein Sohn darf solange brauchen, wie er möchte und muss.


Die Schwiegermutter machte mir Vorwürfe.


Doch leider war das die Ausnahme. Meine Mutter ging nach einer Woche wieder und ab da durften auch andere ab und an zu Besuch kommen. Die Schwiegermutter kam nur alle paar Wochen und warf uns immer wieder vor, sie hatte beim ersten Treffen den Kleinen nicht halten dürfen und später hätten wir sie nicht da haben wollen. Die Frau des Schwiegervaters beschwerte sich, dass wir nie zu Besuch kamen, wo denn das Problem sei? Und wenn der Kleine im Auto nur schreie, müsse er da eben durch. Man würde sich Sorgen machen, dass wir unser Kind zu sehr verwöhnen und Kinder müssen sowas lernen.


Als wir um Hilfe baten, kamen Gegenforderungen.


Ein paar Leute sagten, wir sollen uns melden, wenn wir Hilfe bräuchten. Doch als wir um Hilfe baten, kamen Gegenforderungen. Die Tante sei ja schon 3x irgendwo hin gefahren für uns, da wäre mal eine Tankfüllung fällig. Mein Mann handelte es scherzhaft auf Autoreinigen runter. Wochen später wurde er angepöbelt, weil er nie Zeit dazu gefunden hatte. Im Haushalt helfen oder Kochen wurde nie angeboten. Auch sonst nur Hilfe, die uns nicht wirklich half. Besuch gab es höchstens einmal die Woche, eher seltener. Man habe ja ein eigenes Leben. Als wir unsere Enttäuschung über all das zum Ausdruck brachten, kamen harte Worte. Wir wären undankbar, hieß es. (Obwohl wir uns natürlich für alles mehrfach bedankt hatten, was wir bekamen.) Wir sollten doch zufrieden sein, mit dem was wir bekommen. Wir hätten viel zu hohe Erwartungen, jeder hätte einen Job und ein Leben und keiner könne einmal die Woche vorbei kommen, wo sie doch selbst mit Haushalt und Leben überfordert sind. (Anmerkung: alle kinderlos, alle in Teilzeit angestellt.) Als wir einen Flyer über das Wochenbett zeigten, in dem das alles als selbstverständlich aufgezeigt wurde, wurde dieser als Quatsch betitelt. Keiner würde sowas tun. Dass meine Familie sich große Mühe gab und das durchaus schaffte, nur wegen der Entfernung nicht oft kommen konnte, wurde mit „Vergleiche sind nicht gut“ abgetan. Im Gegenzug durften wir uns aber von mehreren Seiten anhören, dass andere Paare es doch auch alleine schaffen und wir uns nur anstellen.

Da saßen wir. Alleine und mit dem Gefühl im Stich gelassen worden zu sein.
Natürlich schafften wir es. Für sein Kind schafft man alles. Aber wir hatten keine Zeit mehr für uns. Weder jeder für sich, noch gemeinsam als Paar. Das Fazit unseres Wochenbetts ist also: katastrophal.

Kurz nachdem Sarahs Schwiegermutter unangemeldet im Krankenhaus stand, telefonierte Gudrun mit ihrer Tochter. Was die werdende Mutter ihr erzählte, machte Gudrun fassungslos: „Sarah erzählte mir gerade, dass es ihr überhaupt nicht gut geht, die Medikamente ihr zusetzten und besonders, dass sie Angst hat um ihr Kind. Danach sagte sie, die Schwiegermutter hätte nicht einmal nach ihr gefragt. Sie sagte ihr, sie solle bitte bis Montag gebären oder sonst erst wieder 3 Wochen später. Ich war fassungslos, wie man jemanden so behandeln und in dieser Situation nur von sich selbst reden kann. Und ich fragte mich, ob ihr eigentlich klar war, in welcher Gefahr meine Tochter und ihr Kind schwebten. Mein Schwiegersohn war derselben Meinung und ich weiß noch, wie stolz ich war, dass dieser Mann mein Schwiegersohn ist. Heute lebt meine Tochter wieder hier und ich kann sie endlich so unterstützen, wie sie und ihr Mann es brauchen. Ich bin froh, dass sie jetzt glücklich ist und ich meinen Enkel oft sehen kann.“

*Der Name Sarah ist frei erfunden. Die Geschichte, die hier niedergeschrieben ist, nicht. Die junge Mutter hat lange darüber nachgedacht, ob sie zu diesem Artikel ihren richtigen Namen veröffentlichen möchte. Und sich schlussendlich dagegen entschieden um ihre Familie zu schützen und weiteren Stress mit ihrer Schwiegermutter zu vermeiden. Wofür wir vollstes Verständnis haben.

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