Warum wir für die Kinder alles perfekt machen wollen (aus dem Buch „Bad Mom“)

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Bin ich eine gute Mutter? Diese Frage stellt sich Enkelkind.de-Gründerin Silke Schröckert in ihrem neuen Buch „Bad Mom“*. Die ehrliche Antwort: Nein, bin ich nicht. Und das ist gut so! Denn Silke Schröckert hat herausgefunden: Wenn sie selbst aufhört, immer „gut“ oder gar „perfekt“ sein zu wollen, geht es nicht nur ihr selbst besser – sondern der ganzen Familie. Deshalb hat sie ein Buch geschrieben, das anderen Müttern den Perfektionsdruck nehmen soll. Und möchte herausfinden: Gab es diesen Drang zum „Perfektsein“ eigentlich auch früher schon? Ja, sagt Silkes Mutter. Und hat dem Buch einen Text beigesteuert, den wir hier exklusiv veröffentlichen dürfen:

Wie die Tochter, so die Mutter:

Wie auch ich eine perfekte Mutter sein wollte

Natürlich wollte ich eine gute Mutter sein. Nicht nur gut, sondern perfekt! Damals, 1981, war es noch selbstverständlich, dass ich als Abteilungsleiterin meinen Beruf mit dem ersten Kind aufgab. Teilzeit-Führung, Doppelspitze, Homeoffice für Angestellte waren noch Fremdwörter. Also wurde das „Projekt Kind“ liebevoll geplant. Bestens vorbereitet mit der Schwangerschaftsscheibe aus einer Elternzeitschrift, ging es brav in die Flitterwochen, und neun Monate und fünf Tage nach der Hochzeit kam pünktlich das erste Töchterchen zur Welt.

Ja, ich habe viele Elternratgeber, Zeitschriften und Bücher gelesen. Vielleicht zu viele. So war mein Umfeld leicht irritiert, dass jeder Besuch jedes Mal die Hände mit Sterillium abreiben musste, ehe unser wundervolles Baby hochgenommen werden durfte. (Ich bewundere heute die Geduld und Toleranz vor allem meiner Schwiegermutter, die auf dem Lande ganz anderes gewohnt war.) Auch das ständige Abkochen aller Dinge im Umfeld hat einfach nur viel Arbeit gemacht und vielleicht sogar für eine Allergieanfälligkeit gesorgt. Ich hatte es sicher gut gemeint.

Bei der zweiten Tochter war ich zum Glück schon etwas entspannter, und es klappte so weit alles mit zwei Kleinkindern, auch ohne Großeltern oder andere Betreuung. Allerdings empfinde ich diese Zeit noch heute als „intensiv“. Eine charmante Beschreibung dafür, dass ich mich noch gut daran erinnern kann, wie groggy ich häufig war. Das hätte ich damals nie zugegeben. Da war so eine Art Mutterstolz, der mir auch gebot, immer alles zu geben. Da es in unserer Zeit selbstverständlich war, zu Hause zu bleiben, kam es für mich damals auch nicht infrage, die Kinder in die Krippe zu geben. So kamen die Mädchen erst mit drei Jahren zweimal die Woche drei Stunden in den Kindergarten zum Spielen. Und ich hatte ein ungutes Gefühl, dass ich meine Kinder „abgegeben“ hatte. Am liebsten hätte ich mit der Erzieherin jeden Tag diskutiert, damit sie auch alles in meinem Sinne macht. (Die Arme, ich weiß heute noch ihren Namen).

Heutzutage erlebe ich, wie großartig sich meine drei Enkelkinder entwickeln, die selbstverständlich alle bereits mit einem Jahr in die Kita gegangen sind. Ich bewundere beide tollen Töchter, die erfolgreich Beruf und Familie managen. Sie schaffen es, achtsam und bewusst auch ihren Freiraum zu leben. Meistens. Immerhin.

Nach Umzug und mit zwei kleinen Kindern blieb als Einstieg ins Berufsleben der Sprung ins kalte Wasser der Selbstständigkeit im Homeoffice. Weil der Energieräuber Perfektionismus auf eine Mama traf, die ihren Job im Telefonmarketing auch top machen wollte, passierten Dinge, die mir heute die Schamesröte ins Gesicht treiben. Bin ich nicht eine besonders schlechte Mutter gewesen, wenn die Anordnung „Kein Zutritt ins Arbeitszimmer, wenn Mama telefoniert!“ dazu geführt hatte, dass eine tapfere Achtjährige mit blutendem Finger vor der Tür wartete, bis ich aufgelegt hatte? Disziplin ist sicher eine Tugend, die beiden Töchtern bei ihrer Selbstständigkeit entgegenkommt, allerdings gilt es zu lernen, dass wir es eben nicht allen gleichzeitig recht machen können. Auch ich lerne stets dazu.

PS: Das mit der perfekten Familienplanung hatte auch seine Grenzen. Kind Nummer zwei sollte gern ein Junge werden und auf keinen Fall im Dezember kommen – wir freuen uns über unsere zweite Tochter riesig, die kurz vor Weihnachten geboren wurde. Das Zimmer für ein geplantes Kind Nummer drei wurde vielseitig anders genutzt, nur nicht als Kinderzimmer, da es bei zwei Töchtern blieb. „Was kommt, wird gewickelt!“, war der Lieblingsspruch meiner Hebamme. Und wie es kam, war es perfekt.

Corinna Bäck ist Kommunikationstrainerin aus Strande in Schleswig-Holstein. Sie hat drei Enkelkinder und zwei Töchter. Die jüngere davon ist die Autorin des Buches „Bad Mom“.


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Über das Buch

Dieser Text ist eine exklusive Veröffentlichung aus dem Buch „Bad Mom – Wie ich eine schlechte Mutter wurde, um die beste Mutter für meine Kinder zu sein“ der Enkelkind.de-Gründerin Silke Schröckert.

In diesem Buch erzählen Silke Schröckert und ihre Gastautorinnen von vergessenen Brotdosen und verpassten Schulveranstaltungen, von viel zu langen Fernsehzeiten und unfassbar ungesundem Abendessen, von selbstgekauften statt selbstgemachten Geburtstagskuchen, von ungeputzten Zähnen und Pyjamas unter Wintermänteln. Und vor allem: von glücklichen Kindern.

„Bad Mom“* ist unter der Dachmarke von Deutschlands ältester Elternzeitschrift „Leben & erziehen“ erschienen.


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