Wenn Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen können

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Die eigenen Enkelkinder nicht sehen zu können, schmerzt. Die Autorin Sybille Herold („300 Fragen zur Erziehung“) beschäftigt sich intensiv mit möglichen Ursachen für den fehlenden Kontakt. Und bietet hilfreiche Ideen, wie Großeltern mit der Situation und den eigenen Emotionen besser zurechtkommen können. Ihr wichtigster Tipp an alle Betroffenen: „Geben Sie die Hoffnung nie auf.“


Ja, das tut unendlich weh. Es kann sogar zu psychosomatischen Störungen führen. Oder in eine Depression. Franziska Wolffheim hat in ihrem Artikel „Früher habe ich jeden Tag an die beiden gedacht“ in der Zeitschrift „Brigitte WIR“ (Ausgabe Mai/22, kurze Leseprobe hier) sehr einfühlsam von Großeltern in dieser Situation berichtet. Die Sehnsucht nach den Enkeln bleibt und schmerzt oft jahrelang. Ein Schicksal, dass heutzutage leider keine Ausnahme mehr darstellt. Vielleicht sind Sie ja selbst davon betroffen.

Am häufigsten trifft es wohl die Großeltern, deren Enkel mit ihren Eltern über Hunderte Kilometer entfernt wohnen. Immer mehr junge Familien suchen ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr in der Nähe des Ortes ihrer Kindheit und Wohnortes der Großeltern. Manche zieht es gar in die große weite Welt: London, New York, Amsterdam.

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Die Kinder nur auf Fotos sehen: Viele Großeltern haben nicht den Kontakt zu ihren Enkeln, den sie gern hätten

Selbstverständlich haben alle Menschen das Recht auf die Gestaltung ihres eigenen Lebens, auf ihren Weg, auf eigene Entscheidungen. Egal, ob diese ihren Eltern gefallen oder nicht. Dazu gehört eben auch, den Ort auszusuchen, an dem sie das Nest für ihre eigene Familie bauen wollen.

Selbstverständlich gibt es keine Verpflichtung, keinen Anspruch der Großeltern auf gemeinsam gelebte Zeit, auf Familientreffen, auf Zuwendung und Unterstützung durch die erwachsenen Kinder im Alter.

Die Entscheidung, sich von den Großeltern weit entfernt anzusiedeln, ist in der Regel ein Cocktail verschiedener (sowohl bewusster als auch unbewusster) Gründe und Überlegungen. Da erscheint ein Leben auf dem Land für die Familie erstrebenswerter als das in der Großstadt. Oder genau umgekehrt: Da sehnen sich die jungen Leute nach einer lebendigen City statt dem doch etwas tristen Dorf. Oft spielen zudem die Möglichkeiten für einen erfüllenden und zukunftsträchtigen Job eine große Rolle. Anderswo gibt es vielleicht mehr, besseren und bezahlbaren Wohnraum. Oder die erwachsenen Kinder haben das Gefühl, sich nur durch eine räumliche Distanz aus der Abhängigkeitsbeziehung von den Eltern befreien zu können. Selbst eine mehr oder weniger unbewusste Abstrafung der Eltern für Versäumnisse und Fehler in ihrer Kindheit spielt manchmal eine Rolle. Nicht selten sind es auch Konflikte der Großeltern in ihren Beziehungen zu den Schwiegerkindern. Oder eine Abgrenzung von den als übergriffig erlebten Großeltern scheint nur durch die räumliche Distanz möglich.

Hinzu kommt, dass die Werte Freiheit und Selbstverwirklichung in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erleben. Viele Menschen (im übrigen auch manche Großeltern) träumen davon und genießen es, (endlich) das tun zu können, worauf sie Lust haben, sich frei und ungebunden zu fühlen, keine oder weniger Rücksichten auf andere und ihre Gefühle nehmen zu müssen.

Virtuelle Großeltern

Manchen Eltern ist es bei ihrer Entscheidung nicht in letzter Konsequenz bewusst, was ihr Entschluss für sie und ihre Kinder, an die vielleicht noch gar nicht zu denken ist, bedeutet. Oder sie planen den Ersatz der Großeltern: Babysitten kann auch jemand anderes – allerdings ist das dann teurer als die kostenlose Dienstleistung der Großeltern. Auch Freunde können im Wochenbett oder beim Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling Essen vorbeibringen. Mehrere Eltern können sich in der Betreuung ihrer Kinder während der Kitaschließzeiten oder in den Ferien abwechseln. Ja, es gibt inzwischen auch Leihgroßeltern oder Nachbarn, die eine ähnliche Rolle übernehmen können. – Trotzdem wird manchen Eltern erst im Nachhinein schmerzlich bewusst, was sie ihren Kindern vorenthalten. Und auch, wie sehr manche Großeltern darunter leiden. Manchmal ist dann jedoch ein Zurück schwierig oder unmöglich.

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Videochat mit Oma: Immer mehr Großeltern verbringen virtuelle Zeit mir ihren Enkelkindern

Dann beschränken sich die Kontakte auf Videokonferenzen per Zoom, Skype, WhatsApp und wie sie alle heißen. Ich nenne es „virtuelle Großeltern“ und gestehe: Ich bin auch eine von ihnen. Sicher sind diese technischen Möglichkeiten besser als gar kein Kontakt, aber eben nur ein Ersatz. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kennen Sie Großeltern, denen es ebenso ergeht.

Verloren gegangene Enkel

Enkelkinder können verloren gehen, wenn nach einer Trennung der Eltern kein Kontakt mehr zur Familie des Elternteils, bei dem die Kinder nicht leben (der vielleicht selbst keinen Kontakt mehr zu ihnen hat), nicht mehr erwünscht ist. Leider gelingt es manchen Eltern und Großeltern nicht, mit den im Laufe einer Trennung entstandenen Loyalitätskonflikten so umzugehen, dass sie eigene Kränkungen und Empfindlichkeiten so weit zurückstellen können, dass den Enkelkindern alle Großeltern erhalten bleiben. Nicht selten haben sich Großeltern aus Loyalität zu ihren Kindern in der Trennungszeit zu wenig zurückhalten können mit ihren Urteilen, Wertungen und Positionierungen für eine Seite, so dass viel Porzellan zerschlagen wurde. Meist sind dann in den Köpfen Feindbilder entstanden, Schuldzuweisungen getroffen worden, obwohl eigentlich klar war, dass ein Scheitern einer Beziehung immer mit beiden Partners zu tun hat. Aber es ist nun einmal einfacher, jemandem alle Schuld zuschreiben zu können. Besonders, wenn dieser keine Chance zur Rechtfertigung hat.

Manchmal scheint es unlösbare praktische Probleme zu geben: Beispielsweise, wenn bei der Geburtstagsfeier der Enkelin Familienmitglieder nicht an einem Tisch sitzen können ohne dass Gewitterstimmung oder Eiszeit herrschen. Ich hörte allerdings auch von der Situation, als es für ein Elternteil selbst sehr schmerzlich wurde zu erleben, wie die eigenen Eltern sich mit dem Ex-Partner super verstehen. Sie erleben das als Loyalitätsbruch. Ja, manchmal gleicht das Familienleben dann einem Fettnäpfchenwetthüpfen.

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Konflikte mit den eigenen Kindern, der Schwiegertochter oder dem Schwiegersohn können zum Kontaktabbruch führen

Ausgeschlossene Großeltern

Immer wieder kommt es vor, dass sich junge Erwachsene für einen völligen Kontaktabbruch zu ihren Eltern entscheiden. Das kann schon längere Zeit vor der Geburt von Enkeln passieren, wenn sich volljährig gewordene Kinder völlig von ihren Eltern abwenden. Oder erst nach der Geburt, dann nicht selten auch nach Streitigkeiten rund um den Umgang mit den Enkeln. Damit beginnt bei den Großeltern das große Grübeln darüber, was man falsch gemacht hat. Große Dramen wie sexueller Missbrauch, schwerer Alkoholismus oder Gewalt in der Familie findet man in diesen Fällen in der Regel nicht. Oft gelingt es nicht, wirklich schlüssige Gründe zu finden. Wenn das Gespräch völlig abgebrochen ist, bleibt es bei Vermutungen und Spekulationen. Es ist auch nur ein begrenzter Trost zu wissen, dass die meisten Eltern mit der Trennung ebenso wenig glücklich und zufrieden sind wie der Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Sand steckt, um etwas nicht zu sehen, was er nicht sehen will. Wirklich frei wird man von diesen Konflikten und schmerzlichen Gefühlen durch den Kontaktabbruch selten.

Wer will ermessen, was mehr weh tut: Die Enkel nie kennenzulernen. Oder eine Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben, die irgendwann abbricht. Meist sind die Enkelkinder loyal mit ihren Eltern verbunden und übernehmen deren Urteile über die Großeltern. Sie können sich ja nur ein Bild von den Großeltern auf der Basis von Informationen machen, die die Eltern ihnen geben.

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Die eigenen Enkel nie kennenzulernen, oder eine Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben, die irgendwann abbricht: Beides schmerzt sehr.

Viele Einzelschicksale, von denen mir Betroffene berichteten, haben mich dazu gebracht, die Bedeutung gelebter Großelternschaft wieder stärker in das Bewusstsein von Eltern, aber auch Großeltern rücken zu wollen. Und konkrete Hilfen dafür zu entwickeln, wie diese gelingen kann. Ich werde die Erkenntnisse aus diesen Berichten in einem Buch mit vielen Denkanstößen und praktischen Lösungsideen veröffentlichen.

Nicht aufgeben

In meinen Großelterninterviews traf ich mehrmals auf Familien, in denen es nach einer schwierigen Zeit oder sogar nach einem Kontaktabbruch nach Jahren wieder zu einer Annäherung gekommen ist. Geben Sie also die Hoffnung nie auf, wenn Sie betroffen sind. Suchen Sie nach Möglichkeiten einer vorsichtigen Wiederannäherung oder nach Alternativen zu persönlichen Kontakten. Ich konnte mir ursprünglich überhaupt nicht vorstellen, als virtuelle Oma eine Beziehung zu meiner kleinen Enkeltocher aufbauen zu können. Inzwischen hat mich das Leben gelehrt: Wenn man sich öffnet, geht viel mehr als ursprünglich befürchtet.

Trotzdem präsent sein

Unsere Enkelin wohnt rund 500 km von uns entfernt. Zu weit für eine Stippvisite. Sie hasst Autofahrten, also muss ihre Anreise mit der Bahn erfolgen, immer ein größeres Unternehmen. Besuchen wir sie, brauchen wir ein Urlaubsquartier und genügend Zeit und Kraft für die Anreise. Unter Coronabedingungen gestaltete sich alles noch einmal komplizierter.

Um trotz der Entfernung eine Beziehung zu unserer Enkelin aufzubauen, wurden wir zu Brückenbauern. In den Telefonaten und später den Videokonferenzen verbanden wir Bild und Stimme von uns mit einer Spieluhr. Die sie dann auch bei den Besuchen kennenlernte. Wir sangen immer wieder das Lied von den Fähnlein auf dem Turme, ein einfaches Fingerspiel. Zur Oma gehörte etwas später auch Puppe Christian, dem man so schön den Schnuller klauen konnte. Und Hase Trudi, der so lustig mit den Ohren wackelte. Später fertigten wir ein Pappbilderbuch für sie mit Fotos von uns, Christian und Trudi, der Spieluhr und den Lieblingsspielsachen bei uns. Inzwischen sind ein Daumenklavier und eine Tongue Drum dazugekommen. Sie liebt Töne über alles und verbindet diese immer sicherer mit uns als Großeltern.

Auch wenn ich wie sie längere Autofahrten hasse: Wir bemühen uns um regelmäßig gegenseitige Besuche. Nach der Erziehungszeit, wenn unsere Tochter wieder arbeiten wird, werden wir sicher selbst noch häufiger den Weg antreten müssen. Das Wochenende reicht einfach für einen Besuch nicht aus und die Urlaubstage der Eltern sind begrenzt bzw. werden auch für andere Dinge benötigt. Und auch die anderen Großeltern wollen eingezogen und besucht werden. Wir lernen, auf das zu schauen, was wir haben und es zu genießen, und nicht auf das, was wir vermissen und uns gewünscht hätten. Die Fähigkeit dazu wird uns auch in anderen Lebensbereichen des Alterns helfen.

Immerhin haben wir ja Kontakt und Anteil an ihrer Entwicklung. Was kann man tun, wenn dies nicht (mehr) der Fall ist? Der größte Schatz, der mit Großeltern verbunden ist, sind zwei Menschen, die einen lieben, immer für einen da sind, sich viel Zeit nehmen können. Jenseits des ganzen Alltagsstresses (berufstätiger) Eltern. Jenseits des Erziehungsdruckes. Wie kann ich dieses Gefühl ohne Kontakt vermitteln? Ich kann Karten (vielleicht mit Tieren oder geliebten Filmfiguren) schicken mit dem Signal: Ich denke an dich. Auch wenn sie vielleicht nie den Empfänger erreichen. Ich kann Briefe schreiben: mit einem fiktiven Dialog mit dem Enkelkind. Ob sie tatsächlich von den Eltern vernichtet werden oder wenigstens irgendwo in einem Schuhkarton gesammelt? Auch für die Eltern sind sie ein stetiges Zeichen: Ich bin da. Ich denke an euch. Ich bin jederzeit bereit für eine Kontaktaufnahme. Welch schöneren Liebesbeweis kann es geben? Falls ich nicht einmal die Anschrift kenne, kann ich die Briefe selbst sammeln. Irgendwann wird nach meinem Tod mein Haushalt (meist von meinen Kindern) gesichtet und aufgelöst. Vielleicht können sie dann diesen Schatz heben und an die Enkelkinder weiterleiten? Ich kann Tonaufzeichnungen machen, archivieren oder als Datei übermitteln. Dabei kann ich vorlesen. Oder eine Geschichte erzählen. Oder ich erzähle von früher. Aus der Kinderzeit der Eltern. Frage mich, wofür die Enkel sich interessieren. Erzähle von mir.

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Ein „Enkeltagebuch“ kann helfen, die eigenen Gedanken zu sortieren

Auch dies gehört zur gelebten Großelternschaft dazu: Ein Bild von den familiären Wurzeln zu vermitteln und von vergangenen Zeiten. Nach dem Tod meiner eigenen Großeltern hatte ich viele Fragen zur Geschichte der Familie, die ich leider nicht mehr stellen konnte. Ich wäre sehr dankbar gewesen, wenn es da Berichte gegeben hätte. Vielleicht auch ein spezielles „Enkeltagebuch“: Heute ist Ostern. Was ich dir gern geschenkt hätte? Wo ich gerne etwas für dich versteckt hätte. Wie ich mir vorgestellt habe, dir beim Suchen zuzuschauen. – Heute habe ich ein kleines Mädchen etwa in deinem Alter kennengelernt und mich natürlich gefragt, wie du inzwischen aussiehst … Ob du auch die Eiskönigin magst. – Heute beginnt das neue Schuljahr. Als ich damals in der 3. Klasse war …

Ich kann eine Traditionskiste für mein Enkelkind anlegen. Hinein kämen vielleicht ein Spielzeug aus der Kinderzeit der Eltern, ein Stofftaschentuch mit Spitzenrand (kennt heute ja kein jüngerer Mensch mehr), Fotos von mir und anderen Ahnen, eine Weihnachtsbaumkugel, die noch von meinen Eltern stammt, ein Andenken an meine Eltern, etwas aus meiner Sammlung oder etwas, das mir wichtig war. Eine Kleinigkeit, die ich ihm gerne geschenkt hätte.

Natürlich muss ich dabei auf das Alter der Enkelkinder achten und mich darauf einstellen und meine Kontaktangebote mitwachsen lassen. Ich denke aber, dass selbst coole Jugendliche gerührt wären, wenn sie sehen würden, dass sie im Leben der Großeltern doch trotz der fehlenden Kontakte eine wichtige Rolle gespielt haben.

Man soll nie nie sagen, eine Weisheit, die ich von meinen Großeltern übernommen habe. Oder: Die Zeit heilt viele Wunden. Kränkungen verblassen. Ihre „Kinder“ können im Laufe ihres Lebens ihre Meinung ändern und sich vielleicht doch wieder zumindest für Minimalkontakte öffnen. Vielleicht gibt es Menschen, die Kontakt zu ihnen haben und signalisieren könnten, wann ein neuer Versuch Sinn macht. Oder die sogar dafür werben können. Vielleicht die anderen Großeltern, wenn diese zumindest neutral den verstoßenen Großeltern gegenüber sein können. Natürlich sollte sich niemand aufdrängen. Das könnte bei Anrufen oder gestellten „Zufallstreffen“ schnell der Fall sein. Briefe, Karten oder auch Emails (wobei ich eindeutig für die klassische Papierform bin, bei der es vielen Menschen doch schwerer fällt, sie einfach zu entsorgen, anders als bei einem Mausklick). Regelmäßig, als Lebenszeichen und als ausgestreckte Hand. Ohne Erwartung, dass auf diese reagiert werden muss, oder dass sofort der nächste Schritt erfolgen sollte. Es ist an Ihren Kindern, ihre Entscheidung über den Kontaktabbruch zu überdenken (das werden sie tun, garantiert, auch wenn Sie als Großeltern davon vielleicht gar nichts mitbekommen) und vielleicht, vielleicht einmal zu revidieren. Auch wenn dazu vielleicht ein kleines oder größeres Wunder passieren muss.

Fotos:

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