„Früher sind wir mit Waschlappen und Wasser zurechtgekommen.“

Luise Kaller ist Deutschlands dienstälteste Hebamme.

Seiten- oder Rückenlage? Hochnehmen oder schreien lassen? Pudern oder nicht? Luise Kaller ist seit 50 (!) Jahren Hebamme  und selbst zweifache Mutter und Großmutter. Sie weiß: Früher hat man einiges anders gemacht. Großeltern haben es deshalb mit ihren Tipps oft nicht leicht bei den eigenen Kindern. Vor allem, wenn die Hebamme den jungen Eltern etwas ganz anderes rät. Klar: Einiges hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten. Aber welche neuen Erziehungs- und Babypflege-Regeln sind wirklich sinnvoll? 


Bei der Erziehung hat ein Perspektivwechsel stattgefunden.


Enkelkind.de: Frau Kaller, welche Erkenntnis in Sachen Babypflege hat in den letzten 50 Jahren die größte Veränderung herbeigeführt?

Luise Kaller: Die Wegwerfwindeln. Sie machen Vieles einfacher. Genauso die Feuchttücher. Früher war man stundenlang mit Wäschewaschen beschäftigt. Generell gibt es heutzutage ein viel größeres Angebot an Pflegeprodukten, von Baby-Bodylotion über Baby-Shampoo bis hin zu Baby-Wattestäbchen. Doch die größte Erkenntnis ist: Weniger ist mehr. Besonders zu Beginn sind viele Pflegeprodukte gar nicht nötig. Früher sind wir auch mit einem Waschlappen und warmem Wasser gut zurechtgekommen.

Welches Thema löst noch heute zwischen Eltern und Großeltern die größten Diskussionen aus?

Vermutlich Kindererziehung und Ernährung. Bei der Erziehung hat ein Perspektivwechsel stattgefunden. Der Standpunkt des Kindes ist entscheidend. Wenn es zum Beispiel nicht teilen oder von der Großmutter nicht in den Arm genommen werden möchte, dann gilt das heute als das Richtige für das Kind. Früher achtete man mehr darauf, dass der Nachwuchs sich gesellschaftskonform benimmt. Bei der Ernährung sind Süßigkeiten immer wieder ein Streitpunkt.


Man kann ein Baby nicht zu sehr verwöhnen oder verziehen.


Junge Eltern bekommen von ihren Müttern heute oft andere Tipps als von ihrer Hebamme. Was ist denn nun richtig? Schläft das Kind zum Beispiel in Rücken- oder Seitenlage sicherer?

Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass die Bauchlage das Risiko für den Plötzlichen Kindstod erhöht. Darum empfehlen Kinderärzte grundsätzlich die Rückenlage.

Allerdings ist es ratsam, das Baby tagsüber, wenn es wach ist, auch auf den Bauch oder in die Seitenlage zu legen. So beugt man einem flachen Hinterkopf vor. Ein Seitenlagerungskeil oder -kissen oder ein zusammengerolltes Handtuch dicht neben dem Baby stützt es bei der Position.

Soll bei jedem Wickeln gepudert werden?

Früher hat man neben einer dicken Schicht Creme auch noch Puder aufgetragen. Das macht man heute nicht mehr. Zu häufiges oder zu intensives Eincremen kann die Haut reizen, denn unter einer dicken Cremeschicht kann sie nicht atmen, die Hitze staut sich in der Windel und es droht Keimgefahr. Eigentlich braucht man nichts. Wenn die Mutter etwas gegessen hat, was die empfindliche Haut reizen könnte, empfehle ich meinen Frauen etwas Ringelblume-Fettcreme, einfach damit der Stuhlgang nicht am Babypo kleben bleibt.

Hochnehmen oder „Schreienlassen“?

Selbstverständlich sollte man sein Kleinkind nicht stundenlang einfach schreien lassen. Hochnehmen und Trösten ist erlaubt. Man kann ein so kleines Baby nicht zu sehr verwöhnen oder gar „verziehen“. Dennoch sollte man sich nicht zu einer Art „Sklaven“ machen. Es ist okay, wenn die Mutter fünf Minuten duschen geht, auf die Toilette oder ans offene Fenster, auch wenn ihr Baby schreit. Oft beruhigt es sich, wenn sie es danach wieder hochnimmt, recht schnell, auch weil es spürt, dass die Mama nun wieder ruhiger ist.


Ich sage immer: Weniger ist mehr.


Stillen nach Bedarf oder nach Uhr?

Grundsätzlich sage ich: Stillen sollte man, so oft das Kind will – aber trotzdem nicht jede Stunde. Neugeborene möchten im Schnitt 5 bis 8 Mal innerhalb von 24 Stunden trinken. Zum Abschluss der ersten Lebenswoche, wenn die Eltern gerade denken, sie haben alles im Griff, möchte es plötzlich noch viel öfter Milch. Darauf sollte die Mutter eingehen, aber nur für diese begrenzte Zeit. Mit 4 Wochen Lebensalter werden die Abstände zwischen den Mahlzeiten ein wenig größer.

Nur mit Wasser oder im Schaumbad baden?

Ich sage immer: Weniger ist mehr. Denn Babyhaut ist sehr empfindlich. Klares, 37 Grad warmes Wasser ist ideal. Ein Badethermometer hilft dabei, die ideale Temperatur zu bestimmen. Wenn man möchte, kann man ein paar Tropfen Mandelöl ins Badewasser tun, aber mehr empfehle ich nicht.

Babys müssen übrigens keineswegs täglich gebadet werden. Einmal wöchentlich reicht vollkommen aus. Etwaige Verkrustungen können mit einem warmen, nassen Waschlappen weggewischt werden.


Großeltern sollten Manches anders tun dürfen.


Gibt es weitere „Früher haben wir das aber anders gemacht“-Streitpunkte, die Ihnen immer wieder begegnen?

So viel hat man früher nicht anders gemacht. Trotzdem war der Umgang mit dem Baby anders. In den 70er Jahren zum Beispiel hat man versucht, die Babys zu „programmieren“: Ich denke dabei an die Empfehlung, nur 4 Mal täglich zu stillen oder nie mit dem Baby in einem Bett zu schlafen. Das ist heute besser. Ich halte es auch für besser, dass viele Frauen versuchen, auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Welchen Tipp möchten Sie frischgebackenen Großeltern in Sachen Enkel-Pflege mitgeben?

Die Rolle der Großeltern ist nicht immer leicht. Früher hat man in Großfamilien gelebt, in denen die Nähe größer war und gute Ratschläge natürlich angenommen wurden. Heute leben die meisten allein in der Kleinfamilie. Es ist verständlich, dass die frischgebackenen Eltern selbst bestimmen möchten. Trotzdem sollten Großeltern Manches ruhig anders tun dürfen – das nenne ich das Privileg der Großeltern. Mein Tipp: Immer in Absprache mit den Eltern.


Luise Kaller mit den Bonavi-Geschäftsführern Niklas und Markus Ott

Luise Kaller (73) ist seit 50 Jahren Hebamme aus Leidenschaft und hat in ihrer Laufbahn bereits über 10.000 Geburten begleitet. Die zweifache Mutter und Großmutter ist als private Beleghebamme am renommierten Virchow Campus der Berliner Charité tätig. In ihrem Ratgeber „Bauchgefühl“ teilt Luise ihre jahrzehntelange Erfahrung mit werdenden Eltern. Unter Einbezug ihrer Expertise entwickelte sie im Jahr 2016 gemeinsam mit Markus und Niklas Ott das Konzept für den Bonavi Kinderwagen.

 

Bilder: © TheHappyBabyCompany

Geschrieben von
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