Ist Einmischen okay?

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Ein Streit im Supermarkt zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Darf man das kommentieren?

„Das ist einfach viel zu früh!“, hörte ich plötzlich diesen Mann im Wartezimmer in meine Richtung sagen. Ungefragt fing er einen empörten Dialog über das Schulsystem an, regte sich darüber auf, dass Kinder heutzutage in der Vorschule viel zu früh anfangen würden Zahlen und Buchstaben zu lernen. Sie würden später unzählige Probleme bekommen. Er wäre selbst Hauptschullehrer gewesen und hätte Erfahrungen gesammelt. Er hörte gar nicht mehr auf. Ich blieb perplex zurück. Denn Sie fragen sich sicher auch, wie es dazu kam. 

Nun: Mein Sohn begleitete mich zu einem Arztbesuch und blätterte fröhlich durch die zahlreichen Zeitschriften. Auf einer Seite entdeckte er eine Reihe an Zahlen und fing stolz an eine nach der anderen aufzuzählen und sich selbst zu korrigieren, wenn er die Reihenfolge nicht richtig aufgesagt hatte. Mein Sohn ist 5 Jahre alt und sieht für sein Alter auch noch etwas jünger aus. Eventuell hatte ich auch etwas zu ihm in Bezug auf seine (Vor)Schulgruppe in der Kita erwähnt. Er hat einen großen Bruder im Gymnasium. Da lernt man natürlich früh auch schon Zahlen aufzusagen und zu erkennen.

Aber warum suche ich jetzt verteidigende Worte dafür, dass mein Sohn von sich aus und sehr stolz und mit viel Spaß etwas Tolles gemacht hatte?

Weil der Herr aus dem Wartezimmer es geschafft hatte, mir ein unangenehmes Gefühl zu vermitteln. Ganz aus dem Blauen heraus. Ungefragt und unangebracht.

Ich habe diese und ähnliche Situationen schon unzählige Male erlebt. Seit mein erster Sohn auf die Welt kam und noch ein kleines Baby war, habe ich immer und immer wieder ungefragte Einmischungen erlebt. Einmal betrat ich den Empfangsbereich einer Arztpraxis mit meinem Sohn in der Babytrage vor dem Bauch. Es war Winter, wir kamen von draußen, wo es sehr kalt war. Kaum hatte ich die Praxis betreten, raunte mich eine ältere Dame an, ich solle doch die Mütze vom Kopf meines Sohnes nehmen. Er würde ja noch ersticken.

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Er ist oft Grund für Auseinandersetzungen zwischen den Generationen: der Schnuller

Ein anderes Mal war ich mit meinem Sohn in der Trage im Supermarkt einkaufen. Auf meinem Handy hatte ich eine Einkaufslisten-App offen, von der ich die Dinge, ablas die ich einkaufen musste. Wieder kam eine ältere Dame auf mich zu und erlaubte sich einen Kommentar in meine Richtung „Nehmen Sie doch das Handy da weg vom Kopf ihres Babys. Wissen Sie nicht, dass die Strahlen schädlich sind?“.

Ein weiteres Mal fragte mich ein Herr im Vorbeigehen, ob ich nicht finden würde, dass mein Kind zu alt für einen Schnuller sei. 

Ich könnte noch unzählige solcher Situationen aufzählen. 

Was all diese Situationen gemeinsam hatten: Sie ließen mich perplex und unsicher zurück. 

Ich frage mich bis heute, warum diese Personen diese Kommentare überhaupt abgegeben hatten. Auch wenn ich jedes Mal unfassbar sauer war, wollten diese Menschen mir sicher nichts Böses. Sie hatten vermutlich keine bösen Hintergedanken und hatten aus ihrer Sicht vielleicht sogar das Gefühl etwas Gutes zu tun.

Interessanterweise fiel mir auf, dass diese Kommentare meist von älteren Personen an mich gerichtet waren. Personen, die vom Alter her Omas und Opas sein könnten. Sie wollten sich einbringen, um in den Momenten mir als Mutter zu helfen oder meinem Kind. Weil sie viele Erfahrungen in ihrem Leben gemacht hatten. 

Was sie jedoch durch ihr Einbringen erreichten, war ein eher unangebrachten Einmischen. Denn was sie schafften, waren unangenehme Gefühle. Sie schätzten Situationen ein, die völlig aus dem Kontext gerissen waren. Denn weder wusste der Mann aus dem Wartezimmer, ob ich meinen Sohn zum Zahlen lernen gedrängt und ihm Druck gemacht hatte, er müsse schon vor der Schule alle Zahlen beherrschen. Noch wusste die Frau im Supermarkt, wie oft mein Sohn mit meinem Handy in Kontakt kam. Und auch der Mann, der den Kommentar zum Schnuller-Gebrauch meines Sohnes gemacht hatte, wusste nicht, wie oft und wie lange mein Sohn diesen Schnuller haben durfte.

Und vor allem wussten alle nicht, wie ich mich allgemein als Mutter fühlte. Sie sahen nicht, dass ich vielleicht sowieso schon unsicher darüber war, wann ich den Schnuller meines Sohnes abgewöhnen sollte oder ob ich mein Kind zu warm oder kalt angezogen hatte.

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Mama am Handy, obwohl das Kind auf dem Arm ist. Darf man sich da einmischen?

Diese Kommentare hatten mir einfach nicht geholfen. Im Gegenteil, sie ließen mich unglücklich zurück.

Aber ist Einmischen immer schlecht? Sollte man sich in jeder Situation zurückhalten? Nein, so einfach ist es nicht.

Denn tatsächlich gab es auch Situationen in meinem Leben mit den Kindern, in denen ich mir ein Einmischen gewünscht hätte. In denen ich tatsächlich Input von außen gut gebraucht hätte.

So war ich zum Beispiel einmal mit dem Zug unterwegs zu meinen Eltern. Vollgepackt mit einem Kinderwagen, Koffer und Rucksack, hochschwanger und einem Kleinkind an der Hand. So quetschte ich mich durch das enge Zugabteil zu meinem bereits extra vor Wochen gebuchten Sitzplätzen. Auf diesen fand ich jedoch eine Gruppe angetrunkener Männer und Frauen vor, die trotz meiner Info, ich hätte die Plätze gebucht, nicht weichen wollten. Mir rann der Schweiß schon von der Stirn. Mein quengelnder Sohn zerrte an mir, und hinter und vor mir staute es sich. Aber die Sitzenden wollten unsere Plätze nicht räumen. Ich musste mich schließlich auf den Weg durch den kompletten Zug machen, um einen Schaffner zu finden, der mir schließlich helfen konnte. Denn tragischerweise kam mir niemand aus dem voll besetzten Abteil zu Hilfe. Niemand mischte sich ein, um mir aus der Patsche zu helfen. Allen schien egal zu sein, dass ich hilflos und überfordert mit der Situation war. In dieser Situation hätte ich mir so sehr ein Einmischen von jemandem gewünscht. 

Und so gibt es eben auch immer Momente, in denen es aus meiner Sicht wahnsinnig wichtig ist, sich einzumischen. Situationen, in denen man tatsächlich jemandem konkret helfen kann. Wie einer überforderten Mutter, die nicht weiterkommt. Situationen, in denen vielleicht sogar jemand zu Schaden kommen könnte. Sie kennen sicher die Experimente, in welchen unter Beobachtung und mit Hilfe von Schauspielern vorgespielt wird, ein Kind wäre in Gefahr, würde von einem Fremden angesprochen. Um dann zu sehen, wie Passanten reagieren. Ob sie helfen oder untätig vorbeigehen. Einmal war ich Zeuge einer nicht gefährlichen, aber doch sonderbaren Situation auf einem vollen Spielplatz. Ein Kind war von seinen Eltern an eine lange Hundeleine (!) gelegt worden, damit es nicht weglaufen konnte. Die Leine ließ es gerade bis zur Grenze des Spielplatzes laufen, während die Eltern sich in Gesprächen amüsierten. Ja, diese Situation ist tatsächlich so passiert. Und ich ärgere mich bis heute, dass ich mich dort damals nicht eingemischt hatte.

Deshalb ist mein Fazit zum Thema Einmischen heute:

Man sollte immer genau überlegen, in welcher Situation man sich einbringen sollte und wo ein Kommentar, der einem vielleicht auf der Zunge liegt, auch einmal runtergeschluckt werden muss.

Kann das Einmischen dem Gegenüber tatsächlich konkret helfen? Oder fehlt der nötige Kontext, um die Situation einschätzen zu können? Und was wird das Ergebnis sein? Konnte jemandem konkret geholfen werden? Oder bleibt eine unsichere Person mit unglücklichen Gefühlen zurück?

Als erfahrene Großeltern, die in vielen Situationen sehr guten und wichtigen Input haben, können Sie selbst entscheiden, ob dieser in der jeweiligen Situation angebracht ist. Ob ein Kommentar helfen kann oder eher nicht.

Genauso behutsam sollte man sich übrigens auch einbringen innerhalb der Familie in der Rolle als Oma oder Opa. Lesen Sie hier, wie Sie sich einbringen und trotzdem die Regeln der Eltern Ihrer Enkelkinder respektieren können.

 

Fotos:
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