Hat mein Enkelkind ADHS?

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Ihr Enkelkind ist unruhig, vergisst Dinge, kann sich bei den Hausaufgaben nur schwer konzentrieren oder wirkt oft unverhältnismäßig impulsiv? Wann sind diese Eigenschaften einfach Teil der normalen kindlichen Entwicklung – und wann könnte ADHS dahinterstecken, eine Diagnose, die heutzutage immer häufiger diskutiert wird?

Im Interview mit Enkelkind.de erklärt Dr. med. Tobias Hornig, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der MEDIAN Klinik St. Georg Bad Dürrheim, was ADHS genau ist, wie sich die Symptome bei Jungen und Mädchen unterscheiden und woran Sie erkennen können, ob das Verhalten Ihres Enkelkindes Anlass zur Sorge gibt. Außerdem erfahren Sie, welche Schritte sinnvoll sind, wenn der Verdacht besteht, und welche Fachärzte Sie unterstützen können.


„Heute wird diagnostiziert, was früher schlicht übersehen wurde.“


Enkelkind.de: Herr Dr. Hornig, was ist eigentlich ADHS?

Dr. med. Tobias Hornig: ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ist eine neuronale Entwicklungsstörung, die meist in der Kindheit beginnt. Betroffene Kinder und Jugendliche zeigen typische Muster aus Unaufmerksamkeit, Impulsivität und teilweise Hyperaktivität, die deutlich ausgeprägter sind als bei Gleichaltrigen. Diese Symptome sind nicht nur vorübergehend oder situationsbedingt, sondern bestehen über Monate hinweg, treten in mehreren Lebensbereichen auf und können das Lernen, soziale Kontakte und den Alltag erheblich beeinträchtigen. ADHS ist also keine Frage von Willensschwäche oder schlechter Erziehung, sondern hat eine biologische Grundlage.

Warum war ADHS in unserer eigenen Kindheit kaum Thema, jetzt aber umso mehr?

Früher war ADHS deutlich weniger bekannt, weil Forschung, Diagnosekriterien und öffentliches Bewusstsein noch ganz am Anfang standen. Viele Verhaltensweisen wurden einfach als ‚temperamentvoll‘ oder ‚unruhig‘ abgestempelt und als Zappelphilipp-Syndrom abgetan. Erst in den vergangenen Jahren rückte ADHS stärker in den Fokus. Heute wird also diagnostiziert, was früher schlicht übersehen wurde.

Woran können Großeltern erkennen, ob hinter dem Verhalten ihres Enkels möglicherweise ADHS steckt?

Verdächtig ist weniger ein einzelnes Verhalten, sondern ein Muster: wenn ein Kind über mindestens sechs Monate hinweg stark unaufmerksam, impulsiv oder sehr unruhig wirkt, und das sowohl zu Hause als auch in der Schule, Kita oder Freizeit. Entscheidend ist, ob das Verhalten für das Alter ungewöhnlich ausgeprägt ist und den Alltag merklich belastet, etwa durch Lernprobleme, Konflikte mit Gleichaltrigen oder starke Frustration.


„ADHS wird bei Mädchen häufiger übersehen oder erst später diagnostiziert.“


Welche Verhaltensweisen sind häufig normal für ein bestimmtes Alter und welche eher Hinweise auf ADHS?

Viele Kinder sind phasenweise impulsiv, hibbelig, leicht ablenkbar oder verträumt – das gehört zur normalen Entwicklung. Bei ADHS dagegen sind diese Verhaltensweisen dauerhaft, deutlich stärker ausgeprägt als bei Gleichaltrigen und treten in verschiedenen Situationen auf. Typisch sind anhaltende Konzentrationsprobleme, große Schwierigkeiten, bei Aufgaben dranzubleiben, ein sehr hoher Bewegungsdrang, ausgeprägte Impulsivität oder auch ein häufiges Träumen, Vergessen von Aufgaben und Zurückgezogenheit. Entscheidend ist, dass diese Merkmale in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag merklich belasten.

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Wenn Kinder nicht stillsitzen können, ständig hibbelig und hyperaktiv sind, machen sich Eltern und Großeltern oft Gedanken, ob „mehr“ als nur kindliches Verhalten dahinter steckt.

Gibt es Unterschiede zwischen ADHS-Symptomen bei Jungen und Mädchen?

Ja. Jungen zeigen häufiger die hyperaktive und impulsive Form, die schneller auffällt. Mädchen haben dagegen oft die unaufmerksame Variante, wirken verträumt, still oder überfordert – und ADHS wird bei ihnen deshalb häufiger übersehen oder erst später diagnostiziert.

Wie häufig kommt ADHS vor und welche Faktoren erhöhen das Risiko?

In Deutschland sind rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Eine klare Ursache für ADHS ist bisher nicht bekannt. Der wichtigste Risikofaktor scheint die genetische Veranlagung zu sein: Wenn ein Elternteil ADHS hat, steigt die Wahrscheinlichkeit für das Kind deutlich. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, frühe Belastungen oder chronischer Stress gelten ebenfalls als Risikofaktoren.


„Der erste Ansprechpartner ist der Kinderarzt.“


An welchen Arzt sollte man sich wenden, wenn man den Verdacht hat, dass das Enkelkind ADHS haben könnte?

Der erste Ansprechpartner ist meist der Kinderarzt, idealerweise jemand mit Erfahrung in Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Für eine vollständige Diagnose sind häufig Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychotherapeuten zuständig.

Wie läuft die Diagnose ab?

Die Diagnostik umfasst immer mehrere Bausteine: ausführliche Gespräche mit Eltern und Kind, Fragebögen, Beobachtungen aus Schule oder Kita sowie Tests zur Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. Wichtig ist zu prüfen, ob die Symptome in mehreren Lebensbereichen auftreten, mindestens sechs Monate bestehen und zu deutlichen Beeinträchtigungen führen. Zusätzlich müssen andere mögliche Ursachen ausgeschlossen werden, etwa Lernstörungen, Angst, Schlafprobleme oder familiäre Belastungen.


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Unser Experte:

Dr. med. Tobias Hornig ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der MEDIAN Klinik St. Georg Bad Dürrheim.
Weitere Informationen unter www.median-kliniken.de/de/median-klinik-st-georg-bad-duerrheim

 

Fotos: Peopleimages/shutterstock.com, Maria Sbytova/Shutterstuck.com, MEDIAN Klinik

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